Tunesien 2012

 

Wir sind Luftlinie noch keine fünf Kilometer in's Dünenfeld gefahren und ich habe mich schon das achte Mal im weichen Sand festgefahren. Ein starker Wind wirbelt den feinen Sand mannshoch auf – ohne Brille kann man kaum aus dem Auto steigen. Til stellt sein Buschtaxi rückwärts vor mir auf eine Düne und macht die Seilwinde klar um mich frei zu ziehen. Wiedi kommt ihm zur Hilfe. Beide haben ein breites Grinsen im Gesicht und machen Witze über mich blutigen Auto-Offroad-Anfänger.

 

Wenn sie heute Abend noch so gut gelaunt sind, dann schaffen wir es vielleicht auch zum versteckten See in den tunesischen Dünen.

 

 

 

Vorgeschichte

 

Schon drei mal war ich mit der Enduro in Tunesien und habe mich mit dem Wüstenvirus infiziert. Die erste Reise führte mich mit Peter durch das tunesische Sperrgebiet bis zum südlichsten Punkt, wo Tunesien an Libyen und Algerien angrenzt. Die Leidenschaft überwog unser fahrerisches Können bei weitem und hat uns diese Strecke letztendlich bewältigen lassen. Auf dieser Tour habe ich Wiedi kennengelernt, und wir haben seitdem Kontakt gehalten.

 

Es folgten Optimierungen von Ausrüstung und Motorrad sowie Enduro-Trainings, um die größte Schwachstelle zu verbessern, mein Fahrkönnen im Gelände. Dann ging es wieder los. Peter war wieder mit dabei, aber auch Kurt und Martin. Und wir wollten zu „dem See“. Ein Wasserloch in den tunesischen Ausläufern des Grand Erg Oriental, das durch eine Probebohrung nach Erdöl entstanden ist und versteckt zwischen den Sanddünen liegt. Einige wenige Motorradfahrer waren zu dieser Zeit schon dort gewesen. Sie erzählten von hohen und steilen Dünen mit sehr weichem Sand, und von dem unglaublichen Erlebnis, wenn sie nach 2 bis 4 Tagen an dem einsamen See angekommen waren. Da wollten wir auch hin. Bei unseren Vorbereitungen fanden wir jedoch schnell heraus, dass eines unserer Hauptprobleme die Spritversorgung sein würde, wenn wir unsere Motorräder nicht übermäßig mit Benzinvorräten beladen und belasten wollten. Und so lernte ich Til kennen. Er war wenige Wochen vor uns in Tunesien und vergrub einen Benzinkanister in der Gegend des Tafelberges Tembaine. Mit den GPS-Koordinaten bewaffnet würden wir wahrscheinlich Vorreiter des Geo-Cachings in Tunesien sein.

 

Leider trennte sich unsere Gruppe schon auf dem Weg zum Tembaine, nur Kurt und ich fuhren zum Berg. Wir fanden zwar den Sprit, aber das unendliche Dünenmeer südlich des Tembaine machte uns mutlos. Kleine, steile und sehr weiche Dünen, so weit das Auge reicht. Und dann sollten erst noch die großen Dünen kommen. Wir gaben auf – hatten aber noch sehr viel Spaß in Tunesien.

 

Seitdem ist dieser See in meinem Hinterkopf. Til hatte ihn in der Zwischenzeit mit dem Geländewagen erreicht und uns Bilder des einsamen Sees gezeigt. Allerdings machten sich inzwischen immer mehr Offroadfahrer auf zwei oder vier Rädern den See zum Ziel. Die Schwierigkeiten Algerien und Libyen zu bereisen ließen Tunesien für viele ambitionierte Wüstenfahrer attraktiver werden. Und der See war nun mal ein anspruchsvolles Ziel. In Wüstenforen konnte man inzwischen sogar von einem kleinen Cafe am See lesen, und von einem Touristencamp am Tembaine.

 

Und dennoch wäre ich gerne mal dahin gefahren.

 

 

 

Die Sehnsucht nach der Einsamkeit der Wüste hatte wieder einmal überhand genommen. Da ich inzwischen mit Tina gemeinsam reise, sollte diese Tour mit dem Auto erfolgen. Mit deutlich mehr Vorräten im Auto wird der Aktionsradius viel größer, das Verletzungsrisiko geringer und wir würden uns mehrere Tage komplett ohne Versorgungsmöglichkeiten in einsamen Regionen bewegen können. Und wir hatten kompetente Begleiter. Til, Wiedi mit Daniela, und Vroni, Tils Schwester – allesamt erfahrene Wüstenfahrer – nahmen uns mit.

 

Wir treffen uns in Genua. Zum ersten Mal fahren wir mit der brandneuen „Tanit“, 8 Jahre zuvor hatte ich noch das Vergnügen mit der altehrwürdigen „Habib“ unterwegs zu sein.

 

Überfahrt und Anreise gehen schnell, wir übernachten in Tunis und fahren am nächsten Morgen zügig Richtung Süden. Gegen Mittag verlassen wir dann aber schon den Asphalt, auf alten Pass-Straßen fahren wir durchs Gebirge, am Bou Hedma Nationalpark entlang und verbringen eine erste ruhige Nacht in den Bergen. Am nächsten Morgen überqueren wir den Salzsee Chott El Fejaj und sind kurz darauf in Douz. Hier tanken wir die Autos und machen uns über die Bibene Piste auf nach Ksar Ghilane.

 

In Internet-Foren konnte man im Vorfeld lesen, dass man inzwischen sowohl auf dem Weg zum Tembaine als auch zum See verbindlich einen Führer mieten müsse. Einige Reisende sahen das als Bevormundung und verweigerten sich dieser Massnahme mit dem Risiko, von einer Militärkontrolle aus der Wüste und gegen Kostenerstattung hinaus eskortiert zu werden. Wir beschlossen gemeinsam, dass wir uns diesbezüglich keinen Stress antun wollten. Wir engagierten Jamba, den Til schon aus früheren Reisen kannte. Er würde uns mit seinem Quad begleiten, und wir hatten somit keine Probleme mit der Navigation.

 

Jamba führte uns zuerst einige Kilometer Richtung Süden, bevor wir in den riesigen Sandkasten Grand Erg Oriental einstiegen. Und kurz darauf kam es zu der Anfangs beschriebenen Szene.

 

Wir kamen an diesem Tag nicht mehr weit und errichteten ein wunderschönes Camp mitten in den Dünen. Eine Nacht in der Wüste hat etwas unbeschreibliches. Stille, Weite, und ein greifbar naher Sternenhimmel. Aber der Tag war anstrengend für mich. Ich bin früh in meinem Schlafsack.

 

Am nächsten Tag fällt mir das Fahren in den Dünen schon viel leichter. Ich entwickle das Gefühl dafür, mit genügend Schwung eine Düne raufzufahren, doch dann im richtigen Moment wieder vom Gas zu gehen, um nicht über den Dünenkamm zu schanzen, sondern gerade hinter dem Kamm zum Stehen zu kommen. Ja, es gelingt nicht immer, aber ich komme mit den anderen inzwischen ganz gut mit. Dünengürtel wechseln sich mit harten flachen Ebenen ab, wir passieren die Berge des Dodekanes und am nächsten Tag kommen wir am See an. Erste Vorboten sind zwei Geländewagen-Camps in den Dünen mit defekten Autos. Unser Führer verständigt sich mit seinen Kollegen, Hilfe ist unterwegs.

 

Dann sehen wir von einem Dünenkamm hinunter auf den See. Mehrere Gruppen Geländewagen und Zelte, und direkt am See die typischen improvisierten tunesischen „Cafes“. Wir halten kurz auf ein Getränk an. Eine Gruppe französischer Geländewagenfahrer vergnügt sich im Wasser. Die Frauen waschen die Haare und als einer der Typen sich im See zu rasieren beginnt, wissen wir, dass wir hier schnellstmöglich wieder weg wollen.

 

Die Fahrt hierher war fantastische, der Weg deutlich besser als das Ziel. Wir halten uns Richtung Norden, passieren den Tembaine und fahren zum Sandrosenfeld. Von dort geht es wieder nach Ksar Ghilane, und dann über den Erg Smilet nach Douz. Hier endet das Abenteuer im Sand.

 

Richtung Norden geht es nochmals über Pisten und durch schroffe Gebirgslandschaft nach Matmata. Irgendwann sind wir dann aber an der Küste und fahren über Asphalt nach Tunis.

 

 

 

Es war meine vierte Reise in den tunesischen Süden. Wir haben auf dieser Tour die touristischen Highlights wie beispielsweise Kairouan oder Tunis vermieden. Die Menschen im Süden waren offen und freundlich wie immer. Leider fehlen ihnen die Touristen.

 

Da wir zur Dattelernte da waren, hatte es unglaublich viele Mücken, sobald man in die Nähe der Dattelpalm-Plantagen kam.

 

Die Wüste hat mich wieder einmal in ihren Bann gezogen. Und eigentlich ist es mir ganz egal, ob ich mit zwei oder vier Rädern unterwegs bin. Es ist das Gefühl des Ausgesetzt sein, in dieser unendlich erscheinenden Weite, das mich demütig werden lässt und mich so sehr fasziniert.