Moselradweg

 

Dieses Jahr bewegen wir uns öfters mit der Kraft unserer Muskeln und nicht mit Motorkraft vorwärts.

Über Ostern wandern wir vier Tage quer durch den Schwarzwald um uns am Ostermontag mit der ganzen Familie in Gärtringen zum Oster-Essen zu treffen. Im Juli wandern wir den Lech 125 Kilometer von der Quelle bis zum Lechfall in Füssen. Und jetzt im September wollen wir eine der bekanntesten Deutschen Weinregionen mit dem Fahrrad erfahren, die Mosel.

 

Samstag Morgens radeln wir schon früh von zu Hause los. Es ist noch kalt und neblig, die wenigen Dörfer die wir auf unserem Weg nach Straßburg durchqueren wirken abweisend und verlassen. In Straßburg dann ein ganz anderes Bild. Es ist Flohmarkt, quirlige Geschäftigkeit begrüßt uns. Wir besteigen den Zug nach Metz. Hier soll unsere eigentliche Radtour beginnen, wir wollen der Mosel bis nach Koblenz folgen.

 

Die erste Etappe auf französischer Seite bis Perl ist nicht vom Weinbau geprägt. Am Fluß, an Seen und an künstlichen Teichen wird geangelt was die Rute hergibt. Manchmal wird die Beute direkt am Gewässer verarbeitet und gegrillt. Frankreich genießt den Sonntag.

 

Ab Perl dominieren Weinberge die Landschaft. Jetzt noch hügelig später immer steiler und spektakulärer. Das Fahrradfahren macht Spaß, konditionell bekommen wir es ganz gut hin. Nur schmerzt mir der Hintern, und für Tina ist die Witterung eindeutig zu kalt auf dem Radel, auch wenn die Sonne sich zeigt. Sie hat meist alles an Klamotten an, was sie dabei hat, inclusive Handschuhen und Regenjacke. Wir lernen schnell, dass man diesen körperlichen Kummer durch genussvolle Pausen lindern kann. Eine schöne Brotzeit zu Mittag mit einem Gläschen Wein, direkt auf einem Weingut lässt uns vergessen und wieder weiterradeln.

 

Neben der Entdeckung des Elbling als seltene Rebsorte ist Trier ein erster großer Höhepunkt. Der Dom ist imposant, die Gebäude des Bistums dominieren die Innenstadt. Ich habe beim Betreten des Doms nicht den Eindruck, ein historisches Gebäude zu betreten. Vielmehr spürt man, dass Menschen in diesem beeindruckenden Gebäude ihren Glauben leben. Dieses Gefühl hatte ich schon lange nicht mehr in einer Kirche.

 

Wir machen eine ausgedehnte Weinprobe und lernen viel über die Region, die Winzer und die Weine.

 

Weiter geht es an den unzähligen Schleifen des Flusses entlang durch malerische Weindörfer mit kleinen Weingütern und Strausswirtschaften. So stellt man sich die Mosel und die deutsche Gemütlichkeit vor. Das nächste Glanzlicht sollte dann Bernkastel Kues sein, wir sind allerdings geschockt von den Touristenmassen, die sich durch die wirklich sehr schöne Altstadt schieben. Es ist Weinlese und ein Feiertag während dieser Woche. Dementsprechend ist der Andrang groß. Man macht uns keine Hoffnung für die nächsten Nächte spontan ein Zimmer zu finden. Die Wohnmobildichte am Fluß entlang nimmt unglaubliche Ausmaße an, und auch die Fahrrad-Dichte wird höher. Wobei wir auch immer mehr ebikes beobachten. Selbst hier am flachen Flusslauf entlang steigen immer mehr Menschen, die noch weit vom Rentenalter entfernt sind auf Fahrräder mit Elektro-Unterstützung um. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Faulheit kritisieren soll, oder ob es immer noch besser ist, als sich gar nicht zu bewegen. Jedenfalls ist es eindeutig Trend.

 

Entgegen der Voraussage finden wir auch die nächsten zwei Nächte Privat-Unterkünfte bei Winzern. Hier können wir mehr über die Menschen und ihr Leben erfahren, was uns brennend interessiert. Wir haben auf unserer Tour immer wieder Reb-Flächen gesehen, die nicht mehr bewirtschaftet werden. In der Tat ist es so, dass immer mehr kleine Winzer ihren Weinberg aufgegeben. Die Arbeit im Weinberg ist hart, in den Steillagen hat man kaum Möglichkeiten für maschinelle Unterstützung. Das Risiko von Ernte-Einbussen oder sogar Ausfällen auf Grund von Unwettern oder anderer Unwägbarkeiten ist groß. Doch während man vor Jahren die Preise für Weinbergflächen sehr hoch waren, will sie heute niemand mehr haben – ausser natürlich die Spitzenlagen.

 

Unser letzter Abend verbringen wir in Reil und bekommen in der Straussenwirtschaft unserer Gastgeber nochmals die volle Ladung deutscher Gemütlichkeit und Weinseligkeit ab. Zünftig herzhaftes Essen, gerötete Gesichter, man sitzt mit fremden Menschen Arsch an Arsch auf harten Holzbänken und fühlt sich irgendwie dazugehörig. Während sich die hyperaktive Wirtin am Tag zuvor herzhaft über ihren Mann und seine Arbeitseinstellung bei uns beklagt hat, sitzt dieser am nächsten Morgen phlegmatisch mit uns am Frühstückstisch, erzählt uns dann aber doch etwas über seinen Weinbau, seine Vermarktung und dass er heute wieder Weinlese hat, aber zuerst noch gemütlich seinen Kaffee trinken will.

 

Wir fahren weiter nach Cochem, wo wir wiederum von Touristenmassen erwartet werden. Die Wettervorhersage für den nächsten Tag bringt Dauerregen. Also beschließen wir uns in den Zug zu setzen und die letzte Etappe nach Koblenz aus einem trockenen Zugabteil aus zu sehen. Die Entscheidung ist richtig, es beginnt zu regnen.

 

Mit zwei Flaschen Wein in den Satteltaschen bringt uns ein Bummelzug nach Karlsruhe und weiter geht es mit der S-Bahn nach Bühl.

 

Eine interessante und für die Hinterteile anstrengende Woche liegt hinter uns. Wir haben das einfache Reisen mit dem Fahrrad genossen. Wir hatten nicht viel dabei, konnten überall anhalten oder einen Abstecher in ein Dorf oder eine Fussgängerzone machen. Das ist mit dem Motorrad nicht so einfach. Und dennoch sind wir ein ganz schönes Stück vorangekommen.