Lechweg

 

Elmen, Häselgehr, Elbigenalp – Ortsnamen die klingen, wie aus der „Herr der Ringe“-Trilogie, aus einem Fantasie-Land jedenfalls, das nur teilweise etwas mit unserer realen Welt zu tun hat. Eine fabelhafte Landschaft erleben wir im Lechtal, von der Quelle bis nach Füssen. Und wenn man in dieser Landschaft seine Sinne öffnet und seinen Verstand nicht dominieren lässt, dann sieht und erlebt man fabel- und zauberhaftes.

 

Wir sind zu Fuß unterwegs, die ursprünglichste Art der menschlichen Fortbewegung. So mühsam dies für einen Zivilisationsmenschen ist, so lustvoll kann es sein. Aber es kann auch schmerzhaft sein und einen an die physischen und psychischen Belastungsgrenzen führen. Auch das konnten wir auf unserer einwöchigen Wanderung den Lech entlang erleben.

 

Wir parken unser Auto in Füssen und fahren mit verschiedenen Bussen bis zum Formarinsee in den Lechtaler Alpen, der unterirdisch die Quelle des Lechs speist. In der spektakulären Gebirgslandschaft hüpft und tanzt der junge Lech über Felsen und durch saftige Almen steil Richtung Tal. Wir folgen der hervorragenden Beschilderung und dem perfekt ausgebauten Weg. Wir können uns kaum satt sehen an der Landschaft, satt riechen an der Natur und satt hören an dem Murmeln, Rauschen und Gurgeln des Flusses. Dennoch sind wir körperlich ziemlich fertig, als wir um 19 Uhr die Unterkunft in Lech erreichen. Schließlich sind wir schon um 3 Uhr in der Früh aufgestanden. Das Wandern und die schweren Rucksäcke tragen ausserdem dazu bei, dass wir erschöpft einschlafen.

 

Während es auf der ersten Etappe fast nur bergab ging, geht es ab jetzt immer mal wieder an einer Talseite hinauf und hinunter, man überquert Seitentäler und muss somit jeden Tag auch Höhenmeter überwinden. Die verschiedenen Perspektiven auf den Fluß machen dies bei weitem wett.

 

Auch am zweiten Tag bin ich von der landschaftlichen Schönheit überwältigt. Das schöne Wetter trägt seinen Teil natürlich dazu bei. Ich frage mich, ob der Fluß sein Pulver an schöner Landschaft auf den ersten Kilometern schon verschießt, werde aber eines besseren belehrt. Nach spektakulärer Gebirgslandschaft kommt irgendwann die Lieblichkeit des Auenlandes, mit einem etwas trägerem und breiteren, aber immer noch temperamentvollen Fluss.

 

Bei unseren Gastgebern oder in den Dörfern, die wir passieren, versorgen wir uns mit Vesper und Wasser. Dennoch kommen wir immer wieder in die Verlegenheit, dass uns das Wasser knapp wird. Es ist eine heiße Sommerwoche und wir müssen viel trinken. Auf den ersten Etappen finden wir am Wegesrand häufig Quellen, aus denen wir uns bedienen können. So kommen wir an eine abgelegene Berghütte und trinken jeder zwei große Johannesbeerschorle. Es ist Elfentrank. Danach marschieren wir frisch und beschwingt weiter, obwohl wir schon 5 Stunden Fussmarsch in den Knochen hatten und uns vor der Pause ernsthaft überlegt hatten, die Etappe mit dem Wanderbus zu beenden.

 

An einem Wasserfall machen wir Pause auf einer kleinen Aussichtsplattform. Wir genießen den Ausblick, plaudern und Essen, und plötzlich bemerken wir, dass nur einige Meter entfernt ein kapitaler Gamsbock sich zwischen den Felsen ausruht und uns aufmerksam beobachtet. Noch öfters haben wir unerwarteten Tierkontakt, sei es ein zotteliges Hochlandrind, dass sich im kalten Lechwasser abkühlt, oder ein Reh, das plötzlich vor uns steht.

 

Es ist Heuernte. Wir wandern auf schmalem Pfad durch das frische und duftende Heu. In einiger Entfernung wird Heu geladen. Eine große, schlanke Gestalt befördert anmutig Gabel um Gabel Heu auf den Anhänger. Die Bewegung ist so edel und graziös und erinnert ein bisschen daran, einen Pfeil aus dem Köcher auf dem Rücken zu ziehen und einen Bogen zu spannen. Bevor ich mich komplett im Elfenreich fühle, wische ich mir über die Augen und wandere weiter. Näher gekommen nickt mir die große schlanke Frau freundlich zu – vielleicht doch eine Elfe?

 

Wir ziehen Tag für Tag in unserem Rhythmus das Tal entlang. Alles was wir brauchen, tragen wir auf unseren Rücken. Wir fühlen uns frei und glücklich und saugen die Sinneseindrücke begierig auf. Wir kühlen unsere heißen Füße im kalten Lechwasser, wir trinken Milch in einer Sennerei, wir verlaufen uns und überqueren deshalb die längste Hängebrücke Österreichs am späten Abend mit aufkommenden Abendwind und damit auch mit mulmigem Gefühl, wir leiden unter der Hitze und schwitzen und wir fallen abends erschöpft in die Betten von ausnahmslos freundlichen und aufmerksamen Gastgebern. Wir leben und genießen es.

 

Als wir uns am letzten Etappentag den Königsschlössern nähern, erleben wir einen kleinen Zivilisationsschock. Am Alpsee ergießen sich Busladungen von Touristen an das malerische Seeufer. Es ist laut, teuer und riecht schlecht. Nach kurzer Pause bewältigen wir die letzten Höhenmeter über den Kalvarienberg hoch über Füssen, bevor wir zum Lechfall absteigen.

 

Kurz darauf laufen wir durch die Stadt. Es ist ein angenehmer Biergartenabend und die Stadt ist voller Menschen. Wir stärken uns und schultern ein letztes Mal unsere Rucksäcke für den Weg zum Parkhaus. Wir wollen nicht bleiben, wir wollten auch gar nicht ankommen. Eigentlich wollten wir nur unterwegs sein.