Marokko 2012

Überraschungsmenü a la marocain

Marokkanisches Überraschungsmenü

 

Wir legen die staubigen Motorradklamotten ab, nehmen eine heiße Dusche und ziehen uns „zivil“ an, bevor wir in den gemütlichen Gastraum von Abdul auf den mit Teppichen belegten Bänken Platz nehmen.

Wir haben Halbpension gebucht und haben keine Ahnung was es Leckeres zum Essen geben wird.

Zur Vorspeise vielleicht die in Nordafrika überall servierte Suppe Harira, oder einen marokkanischen Salat oder etwa bric, das sind knusprige gefüllte Teigtaschen?

Als Hauptspeise können wir uns bestimmt auf eine Tajine (ein Art Eintopf), ein Couscous (Hartweizengries mit Fleisch und Gemüse) oder gegrillte Brochette (Fleisch-Spiese) freuen. Und zum Nachtisch Obst der Saison oder aber süsses marokkanisches Gebäck.

Wir wissen es nicht, es ist ein Überraschungsmenü, wie unsere ganze Reise in dieses landschaftlich so faszinierende Land.

Die Reiseroute hatten wir nur grob geplant. Schließlich haben wir mit drei Wochen Zeit im Gepäck die Möglichkeit, unsere Pläne immer wieder zu ändern, und das machen wir auch. Und so ergibt diese Motorradreise ebenfalls ein Überraschungsmenü, a la marocain.

Um uns die weite Anreise über Land zu sparen, fahren wir mit dem Motorrad nur bis Genua und besteigen dort die Fähre nach Tanger. Es ist entspannend, sich einem Ziel langsam zu nähern. Eine Fährüberfahrt ist für uns jetzt genau das Richtige um den Abstand zwischen der Hektik des Alltags zuhause und dem Urlaub zu gewinnen. Nach 48 Stunden Überfahrt kommen wir am späten Nachmittag im nagelneuen Hafen Tanger Med an. Während die mitreisenden Marokkaner größtenteils noch im Zoll stecken, die wenigen Touristen sich südlich nach Tanger wenden, fahren wir Richtung Osten und lassen uns auf der einsamen Küstenstraße zum ersten Mal marokkanische Luft um die Nase wehen. Wir übernachten im kleinen Städtchen Tetouan, wo wir zum ersten Mal erleben, was uns die nächsten drei Wochen in fast allen Dörfern und Städten erwartet: Markt. Während unserer Reise haben wir  immer wieder den Eindruck, ganz Marokko sei ein einziger gigantischer Straßen-Markt, wo Obst, Gemüse, Haushaltsgegenstände und Klamotten lautstark angepriesen werden.

 

Unser Weg führt uns anschließend Richtung Süden durch das Rif-Gebirge. Vor dieser Region wird wegen des Haschisch-Anbaus sowohl in den Reiseführern und sogar vom Auswärtigen Amt gewarnt wird. Die Strecke ist herrlich und erinnert uns an unsere letztjährige Motorradtour durch das südfranzösische Mauren-Gebirge an der Cote d'Azur. Die Straße ist eng und kurvig aber auch löchrig und fordert hohe Konzentration. Hier herrscht noch keine Trockenheit wie weiter unten im Süden Marokkos. Und so lernen wir ein marrokanisches Geschäftsmodell kennen. Überall am Straßenrand wo ein Bächlein kreuzt, sich eine Quelle oder ein gefasster Brunnen befinden, bieten  Autowäscher ihre Dienste an. Ein Eimer, Lappen und Seife,mehr braucht es hier nicht.

Tatsächlich wimmelt es nicht nur in den Dörfern sondern überall an der Strecke von Menschen. Wenn man glaubt in der Einsamkeit einige Fotos von der Landschaft machen zu können, dauert es sicherlich keine Minute, bis jemand auftaucht und begeistert Rauschgift anbietet. Die Leute bleiben aber immer freundlich und akzeptieren die Ablehnung, aber es strengt dennoch an.

 

Weiter geht es nach Fes. Tina hat den Stadtplan in der Hand und gibt mir Anweisungen um den Weg zum Hotel zu finden. Wir fahren durch zwei mittelalterliche Stadttore und plötzlich sind wir mitten drin, im Traum aus Tausendundeiner Nacht. Ein Gewusel an Menschen in einer Szenerie, wie wir sie nur aus Märchen wie Ali Baba und von Filmen kennen. Viele Berberfrauen tragen ihre bunten Trachten, die Männer haben meist ihre Djellabahs übergeworfen, das sind lange Kapuzenmäntel. Das Stadtbild der Medina (Altstadt), hat sich seit Hunderten von Jahren kaum verändert, ausser dass inzwischen an die Häuserwände Stromleitungen mehr oder weniger professionell genagelt wurden. Wir genießen das Treiben der Stadt einen weiteren Tag, bevor wir uns in den Mittleren Atlas aufmachen.

Die Landschaft wird alpiner, schließlich gibt es hier Pässe, die knapp 2000 Höhenmeter messen. Wir entfernen uns von den Hauptstrecken und werden mit schlechten Straßenbelägen aber fantastischen Landschaften belohnt. Krüppelwälder, wilde ausgetrocknete Bachläufe, bezaubernde Gebirgsseen und die ersten Nomadenzelte tauchen auf. Hier wagen wir uns mit der beladenen BMW auch zum ersten Mal auf eine kleine Gebirgspiste, das Vallee de Roches. Zuerst geht es an einem See entlang auf einem schlammigen Weg, dann steil hinauf auf grobem Schotter in den Wald. Wir fahren im Trial-Stil den engen Weg mit tiefen Mulden und allen erdenklichen Untergründen immer auf der Suche nach wildlebenden Berber-Affen, die es hier noch geben soll. Sehen werden wir diese aber erst einige Stunden später in den Wäldern um den Mischliffen, Marokkos bekanntestes Skigebiet.

 

Unser nächstes Ziel heißt Marrakesch. Natürlich müssen wir auch hier durch den Souk schlendern. Wir sind immer wieder über die Unaufdringlichkeit der Marokkaner überrascht. Natürlich wird man häufiger als in Mitteleuropa angesprochen, wenn man aber freundlich und gelassen ablehnt, wird das so gut wie immer akzeptiert. Da habe ich schon Schlimmeres an der tunesischen Küste oder vor vielen Jahren in der Türkei erlebt. Und natürlich müssen wir an den Djamma al Fna, den Platz der Gehenkten, um den Gauklern, Künstlern, Affenbändigern, Schlangenbeschwörern und Tänzern zuzusehen. Von einer Terrasse eines Cafés aus haben wir eine wunderbare Aussicht, bevor wir nach Einbruch der Dunkelheit genau auf diesem Platz ein sehr leckeres Abendessen einnehmen.

Was danach kommt, lohnt für sich alleine eine Marokko-Reise. Die Fahrt von Marrakesch über den Gebirgspass Tizi N Tichka, über Telouet nach Ait Benhadou, dann weiter über Ouarzazate durch das Draa-Tal nach Zagora und zu den Ausläufern der Sahara in M'Hamid. Zuerst geht es auf einer fantastisch geschlängelten Straße über den Hohen Atlas, atemberaubende Ausblicke in schroffe Schluchten, auf deren Grund häufig etwas Grün zu erkennen ist. Man passiert uralte Kasbahs, die zwar meistens unbewohnt, immer noch trutzig und farblich angepasst in der zerklüfteten Bergwelt stehen. Nach dem Gebirge folgen wir einem Flusslauf, der die Landschaft in seiner nächsten Umgebung saftig grün leuchten lässt. Dann wird der Fluss kleiner und irgendwann, noch bevor er das Meer erreicht, ist er ausgetrocknet und nur noch sein altes Bett ist erkennbar. Dies mäandert durch eine Ebene die immer wüstenartiger wird. Es gibt immer weniger grün, die Landschaft ist von groben Fels- und Kiesebenen geprägt. Nach einem kleinen Pass beginnen dann die ersten Sanddünen. Auf einer schmalen aber noch geteerten Straße erreichen wir M'Hamid. Wir bleiben zwei Tage und erforschen die Ausläufer der Wüste.

Der folgende Tag wird fahrtechnisch der abwechslungsreichste der Reise. Kurz nach dem wir M'Hamid verlassen, fallen die ersten dicken Tropfen. Zuerst nur vereinzelt schlagen sie kreisrunde dunkelbraune Mini-Krater in den Sand. Kurz darauf öffnet der Himmel seine Schleusen. Das Wasser-Sand-Gemisch um uns herum spritzt einen halben Meter hoch und lässt keine Sicht auf den Boden zu. Nur 90 km später in Zagora ist es wieder komplett trocken. Am "Tor zur Wüste" ist kein Regen gefallen. Wir biegen auf die Schotterpiste nach Foum Zguid. Zuerst noch breit mit immer wieder Wellblech, führt diese irgendwann auf einen Damm. Hier kann man dem Wellblech nicht mehr ausweichen. Doch irgendwann ist der Damm weg. Weiter geht es auf einer schmalen einspurigen Piste, die in jedes Oued abtaucht, tiefsandigen Stellen und Felsen in engen Kurven ausweicht, teilweise sandig, dann wieder mit großen oder spitzen Steinen übersät sich in Wellen durch die Landschaft bahnt. Die ein oder andere Weichsandstelle oder Steilabfahrt lässt Tina sogar absteigen. Die Temperatur ist inzwischen auf über 30 Grad angestiegen. Nach dieser anspruchsvollen Offroadeinlage sind wir froh, wieder Asphalt unter den Rädern zu haben. Doch zwischen Foum Zguid und Tata werden wir von einem heftigen Sandsturm überrascht. Mit maximal 30 Stundenkilometern, Schräglage auf gerader Strecke und Sichtweite unter 20 Metern kämpfen wir uns Kilometer um Kilometer weiter. In der kargen und offenen Landschaft gibt es keine Möglichkeit, einen Unterschlupf zu finden.

 

In den nächsten Tagen halten wir uns am südlichen Rand des Hohen Atlas, befahren die Straße der Kasbahs und besuchen die weltberühmten Dades- und Todhra-Schluchten. Wir sind uns nicht sicher, ob man die Straße der Kasbahs nicht besser in Straße der Wohnmobile umbenennen sollte. Sehr viele, hauptsächlich französische Rentner verbringen im Winter mehrere Monate in Marokko mit ihren Wohnmobilen. Die meisten von ihnen verbringen ihre Zeit an der marokkanischen Küste, aber es gibt noch genügend, die die Hauptsehenswürdigkeiten im Landesinnern ansteuern.

Wir hatten am eigenen Leib die starken Regenfälle der letzten Tage erlebt,  und waren dennoch überrascht dass an einer schmalen Stelle der Dades-Schlucht der Fluß sein Vorrecht gegenüber der Straße durchgesetzt hat. Es gibt kein Weiterkommen. Auch auf dem weiteren Weg Richtung Todhra haben Regenfälle immer wieder Sand, Schotter und teilweise Geröll die Straßen überspült. Wir müssen die ersten kleinen Wasserdurchfahrten meistern. Unzählige weitere werden die nächsten Tage folgen. Motorrad und Besatzung nehmen die Farbe Marokkos an, ein kräftiges Rotbraun.

Das Wetter verschlechtert sich zusehends, es wird kälter und die Niederschläge nehmen zu. Wir geraten bei einer Passüberfahrt sogar in einen so heftigen Hagelschauer, der die Straße und Landschaft in wenigen Minuten unter einer mehrere Zentimeter dicken Eismatsch-Schicht verschwinden lässt. Vorsichtig, mit klappernden Zähnen tasten wir uns ins Tal vor.

 

Wenn Rif-Gebirge und Mittlerer Atlas die Vorspeise waren, dann sind der Hohe Atlas und die Wüstenausläufer im Süden sicherlich ein fantastisch und abenteuerlich gewürztes Hauptgericht. Den Abschluss der Reise, also die Nachspeise, führt uns an der Küste entlang wieder Richtung Norden. Leider wird uns der eigentlich süße Nachtisch durch beständigen Regen etwas "versalzen".

Essaouira, das Mekka von Surfern und Badetouristen überrascht uns mit Beschaulichkeit und einem Spuk, indem wenig Touristenramsch, dafür aber viel handwerkliches angeboten wird. An der Küste entlang passieren wir den Gemüsegarten Marokkos. Es werden Blumenkohl, Rettich und Karotten geerntet und meterhoch auf Kleinlaster geladen. Leuchten rote Tomaten wachsen unter Folie. Aber auch einige malerisch an der Küste gelegene Ortschaften, würden zu einem Aufenthalt laden, wenn es nicht regnen würde. So bewegen wir uns zügig nach Tanger und schauen uns den urbanen marokkanischen Lebensstil an, bevor wir unser "Überraschungsmenü a la marocain" mit Betreten der Fähre beenden.

 

 

 

Noch eine praktische Anmerkung zu Marokko. Dieses Land ist relativ einfach zu bereisen, es hat eine gut ausgebaute touristische Infrastruktur. Es gibt überall Hotels, Restaurants, Cafés und Tankstellen. Und dennoch ist es für uns Mitteleuropäer sehr exotisch. Überall findet man das, was wir unter typisch orientalisch verstehen. Nur ist es nicht extra für uns Touristen so gemacht, wie etwa in Dubai, sondern es ist noch authentisch.

Die Marokkaner sind Touristen gewohnt. Und sie wollen von den reichen Touristen auch - ein bisschen zumindest - profitieren. Die Frage nach dem Weg, wird direkt mit dem Vorausfahren und der Bitte zu folgen beantwortet, und dafür wird dann auch ein Trinkgeld erwartet. Dies macht einem den Kontakt zur Bevölkerung schwerer.

Landschaftlich steht für mich ausser Frage, dass Marokko eines der spektakulärsten Länder ist, die ich bislang bereist habe.