¨Mach mal Platz, Dicker!¨

Seit anderthalb Wochen hängen wir in Windhoek und Umgebung fest. Wir sind vor Ostern hier angekommen, haben eine Werkstatt gefunden, die unseren Toyota wieder auf Vordermann bringen wird, diese hatte allerdings erstmal keine kurzfristigen Termine frei und es mussten Ersatzteile bestellt werden. Also haben wir beschlossen, hier in der Umgebung zu bleiben, bis alles erledigt ist. Windhoek war sofort ein Zivilisationsschock für uns. Es ist schnell, laut und hektisch, und all das waren wir die letzten Monate nicht mehr gewöhnt. Dazu kommt diese für uns ungewohnte Mischung von verschiedenen Kulturen, wobei die deutsche Kultur eindeutig dominiert. Wenn wir in Urlaub sind und hören Menschen deutsch sprechen, gehen wir diesen meistens aus dem Weg. Schließlich wollen wir die Einheimischen kennen lernen und keine deutschen Touristen. Hier sprechen aber viele Einheimischen Deutsch, nicht nur Weiße sondern insbesondere ältere Schwarze. Als wir den ersten Supermarkt in Windhoek besuchen, bin ich von dem Angebot überwältigt. Dementsprechend orientierungslos stehe ich in einem der Gänge und halte mich an der Stange des Einkaufswagens fest. Bis ich von hinten den Satz höre: ¨Mach mal Platz, Dicker!¨ Ein stoppelbärtiges weißes Gesicht strahlt mich an und freut sich über mein fassungsloses Gesicht. Ähnliche Situationen erleben wir seitdem ständig. Nachdem wir einen kleinen Nationalpark besucht und dort eine anstrengende Wanderung gemacht hatten, verbringen wir die Osterfeiertage 20 Kilometer ausserhalb Windhoeks auf einem Farmcamping. Die wenigen anderen Camper gehen wie wir der über Ostern ausgestorbenen Stadt aus dem Weg. Auch lohnt es sich nicht an die Küste zu fahren, denn die Campingplätze dort sind lange im voraus ausgebucht. Man hat also Zeit hier, es entwickeln sich interessante Gespräche und wir schließen Freundschaften. Neben uns steht ein Unimog, Sheila und Joachim reisen damit normalerweise, doch jetzt wohnen sie schon einige Monate darin, da sie ein Haus hier bauen. Wir interessieren uns und erfahren, dass sie ein Waisenkinderprojekt in einem township leiten. Das interessiert uns brennend, und sie nehmen uns ins Waisenhaus mit. Inmitten einer illegalen Wellblechsiedlung steht das Gebäude, gepflegt, sauber, eine Oase für die ca. 50 Kinder die hier unter Tags betreut werden. Sie bekommen zu Essen, die Kleinen bekommen Vorschulunterricht und die großen Nachhilfe bzw. Hausaufgabenbetreuung von einem fest angestellten Lehrer. Inzwischen hat sich ein kleines Beschäftigungsprojekt für erwachsene Angehörige gebildet, die beispielsweise aus Plastiktüten-Abfall stabile Taschen basteln oder aus Zeitungspapier Schalen machen. Eine behinderte Nachbarin aus dem township näht Taschen und Kleider, und es ist geplant, dass sie interessierten Kindern und anderen Frauen das Nähen beibringen wird. Wir sind berwältigt von der herzlichen Begrüßung und beeindruckt von dem ganzen Projekt. Hier passiert genau das, was uns bei vielen der NGOs, die wir gesehen haben, fehlt. Es wird an der Basis angesetzt, von ehrenamtlichen Helfern, die mit Engagement und Ideenreichtum und ohne Bürokratie arbeiten. Wir wissen sofort, von 10 Euro Spende, kommen 10 Euro bei den Kindern an. Hier lohnt es sich zu helfen. Wer sich interessiert, googelt bitte nach mammadu.

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Kommentare: 1
  • #1

    Chris (Samstag, 11 April 2015 18:16)

    mit "mach mal Platz Dicker" kannst ja aber nicht Du gemeint gewesen sein ;)
    Der Vorschlag mit einem "african beer tasting" aus dem Kommentar zum letzten Bericht ist übrigens richtig gut...
    Grüße und weiterhin alles Gute
    Chris