Welcome to Jordan

Ich weiß, ich schulde Euch noch den Schluß der Rallye.

Wir sind am nächsten Morgen recht früh vom Krankenhaus gestartet, alles war noch verschlafen, wir bekamen nur müdes HInterherwinken. Aber auch wir waren müde. Auf dem Weg zur Grenze sahen wir viele Militärstellungen mit Geschützen, Kasernen, etc. Jetzt wurde uns klar, warum man uns so ungewöhnlich skeptisch beäugt hat. Die Grenzformalitäten in Syrien gingen wieder korrekt von statten, dennoch dauerten sie ca. 2 Stunden. Im gegensatz zu letztem Jahr, kamen die Teams langsam eingetrudelt, was die Sache etwas entzerrt hat. Ich könnte einige Seiten nur über die Grenzbeamten schreiben, es ist schon faszinierend, wie in diesen Ländern der Amtsschimmel noch wiehert.

Auf jordanischer Seite wurden wir dann sehr freundlich empfangen. Ein Kamerateam war vor Ort und hat nicht nur unsere Ankunft gefilmt, sondern auch wie wir die Festzeltgarnitur rausgeholt, aufgebaut, Kaffee gekocht und gefrühstückt haben. Völkerkundliche Studien fürs jordanische Fernsehen.

Die Formalitäten werden an der Grenze größtenteils vom jordanischen Organisationskomitee erledigt, so dass wir gemütlich warten konnten.

Dann endlich: welcome to Jordan.

Wir wenden uns direkt Richtung Irbid um das SOS Kinderdorf zu besuchen. In der Innenstadt holen wir Geld und fragen nach der Einrichtung, sie ist fast jedem bekannt. Wir finden das Dorf dann auch zügig und fahren gespannt durch die Einfahrt. Ein freundlicher Herr winkt uns zu parken und reinzukommen: Nein, er könne kaum Englisch, aber in der Rezeption werden wir erwartet. Stimmt, wir wurden ebenso gespannt erwartet, wie wir gespannt auf den Besuch waren. Lina Mola, unsere Ansprechpartnerin ist nationale Leiterin von SOS KD und hat uns angekündigt. Wir bekommen Tee und erklären nochmals, warum wir hier seien. Dass wir Spenden von Freunden, Familie und auch Firmen hätten, die wir übergeben wollten um es den Kindern direkt zukommen zu lassen. Man ist so offen, freundlich und herzlich mit uns, es ist wirklich toll. Man hat sich auch schon ein Programm für uns ausgedacht. Zuerst bekämen wir eine Führung durchs Dorf, dann sollten wir uns zwei Häuser anschauen und mit den Müttern und noch nicht schulpflichtigen Kindern reden können, die anderen Kinder kämen dann so langsam eingetrudelt. Und dann sollten wir in einer Familie einige Geschenke überreichen und mit allen Mittag essen.

Das Dorf ist sehr sauber und gepflegt, alle nett und freundlich. In kleinen Grüppchen kommen inzwischen Kinder von der Schule - Jungens und Mädchen getrennt - und kommen immer gleich zu uns um Hallo zu sagen. Uns fällt das herzliche fast liebevolle Verhältnis auf, dass die Kinder mit den Verwaltungsangestellten und dem Direktor haben - das war der nette Herr vom Anfang. Die Mütter der Familien sind sehr selbstbewusst, gebildet und von einer Liebe den Kindern gegenüber, dass wir ganz gerührt sind. Das gemeinsame Mittagessen ist so lustig und unkompliziert, wie es nur mit (relativ) unbeschwerten Kindern geht. Wir haben einige Geschenke dabei, und Tina gibt dem Kleinsten Straßenmalkreide. Der freut sich tierisch, da er glaubt, es seien Süßigkeiten. Die Freude wird dann aber noch größer, als er entdeckt, was es tatsächlich ist. Er bemalt mit Hilfe der anderen kleinen Geschwister die Wand, den Teppich und irgendwann dann auch die Hose der Mutter. Es ist ein großes Pallaver mit viel Freude und Fröhlichkeit. Wenn den Kindern auch ihre eigenen Eltern fehlen, so wird hier dennoch versucht ihnen den bestmöglichen Start in ein erwachsenes Leben zu geben. Wir sind tief beeindruckt und berührt.

Nur schwerlich können wir uns losreissen, doch wir müssen weiter. Heute abend sollen wir noch ganz im Süden von Jordanien in's Wadi Rum zu einer Geschicklichkeitsprüfung. Wir rauschen an Amman vorbei Richtung Süden. Die Sicht ist schlecht, es geht ein starker Wind und der Sand ist aufgewirbelt und hängt in der Luft. Im Wadi Rum gibt es sogar richtigen Sandsturm wie wie später erfahren. Vom sogenannten Kings Highway geht ca. 40 km vor Aqaba die Teerstraße nach Wadi Rum. Laut Roadbook wird uns die Wüstenpolizei ca. 60 km vor Wadi Rum ableiten, so dass wir auf "anspruchsvollen Wüstenpisten" zum Camp fahren. Es wird so langsam dunkel und wir beschließen, dass wenn keine Wüstenpolizei dasteht, wir es nicht auf eigene Faust versuchen werden, sondern die Teerstraße nehmen. Die Wüstenpolizei steht da, leitet uns ab und im letzten Tageslicht rumpeln wir über die Piste. Es macht richtig Spaß. Wir fahren vorsichtig, wenn es steinig ist, lassen unsere Knochen vom Wellbleich durchschütteln, und wenn weiche Sandstellen kommen, kommt man mit Gas ganz gut durchgeschlittert - in der Hoffnung keinen Stein zu treffen. Immer wieder stehen Schilder der Rallye, so dass wir uns nicht verfahren können. Hinter uns sehen wir Scheinwerfer von Teams und irgendwann auch Rücklichter von vorausfahrenden, dann Warnblinker?

Direkt auf der Piste hat sich ein dicker BMW eingegraben, wir halten dahinter und Rosinante steckt auch fest. Zuerst also den BMW mit gemeinsamen Kräfen Flott machen, dann Rosinante, Esmeralda kommt mit ihrem Allrad eh durch. Jetzt sehen wir immer mehr Autos, die links und rechts der Piste versucht haben vorwärts zu kommen und sich engebuddelt haben. Und irgendwann ist dann Schluß. Eine Autoschlange von ca. 500 Metern steht vor einer Weichsandstelle durch ein kleines Wadi - dort herrscht Chaos. Autos stehen kreuz und quer und sind bis zum Bodenblech im Sand versunken. Es ist stockfinster, wir bleiben wie die meisten stehen, bauen die Zelte auf und beschließen die Weiterfahrt bei Tageslicht fortzusetzen. Die Bierreserven werden aufgebraucht, dann noch eine Flasche Wein geköpft. Mehrfach kommt die Wüstenpolizei durch, es sei viel zu gefährlich hier zu campieren, wir sollten unbedingt weiterfahren. Ist das denn nicht gefährlich, als Wüstenlaie bei Nacht durch Weichsandfelder und über Pisten zu rumpeln, und das auch noch alkoholisiert. Jetzt kommen die Jungs schon alle paar Minuten und die ersten geben auf: wenn die hier ständig vorbeikommen, dann können wir sowieso nicht schlafen. Einer von einem Rallyeteam hat wenige Meter entfernt einen schönen großen Skorpion fotografiert: Tina ist davon überzeugt, dass wir weiterfahren sollten. Also gut, wir brechen das Camp ab und nähern uns der Weichsandstelle. Man kann nur einzeln durch und sieht fast nichts, und so werden wir hier getrennt. Die Schweizer stehen weiter vorne und scheinen gut durchzukommen. Auch wir sind frohen Mutes. Vor uns brettert ein alter Mercedes-Transporter. Wir warten eine halbe Minute und dann geht es Vollgas in den Sand. Es läuft super, doch da steht ein Audi Quattro im Weg, der Transporter hat versucht seitlich vorbeizukommen und steckt ebenfalls, ich versuche mit Vollgas zwischen Transporter und einem großen Felsen durchzukommen da geht die Mercedestür auf. Schluß. Wir stehen. Anfahren, zuerst vorsichtig rückwärts dann vorwärts, nichts geht, obwohl wir kräftig Luft aus den Reifen gelassen haben. Die Polizei schleppt mit einheimischen Fahrern raus was geht. Wir finden unseren Abschlepphaken und lassen uns anhängen - nichts geht. Ein einheimischer Fahrer versucht es ebenfalls, jetzt sind wir komplett versandet. Jetzt widmet man sich zuerst den leichteren Fällen. Dann lässt Rosinante die letzten Zehntelbar aus den Reifen, von vorne zieht ein Jeep, von hinten schiebt einer und nach vielen Versuchen kommen wir endlich frei. Die Vorderreifen sind platt. Ich will die Ersatzräder aufziehen und finde den Wagenheber nicht. Irgendwann kommt einer mit einem Kompressor - es funktioniert. Jetzt geht es in wilder schneller Kolonne vorwärts. Die Einheimischen sitzen bei unsicheren Fahrern am Steuer, was mindestens zwei Ölwannen und ein Motorschutzblech bei einer S-Klasse kostet. Kein Problem, man zieht die S-Klasse mit dem Jeep so lange, bis sich das Blech komplett nach hinten gebogen hat - ratternd geht es weiter. Kurz nach zwei Uhr morgens sind wir im Camp - völlig am Ende und übermüdet. Die Schweizer fehlen. Wir schicken eine sms und fallen in den Schlaf mit dem festen Willen, nicht vor 8 Uhr aufzustehen.

Um 6 Uhr brennt die Wüstensonne schon so heiß auf unser Zelt, dass wir raus müssen. Gaaaaanz langsam versuchen wir zu duschen, uns frisch zu machen. Jetzt kommen auch unsere eidgenössischen Freunde. Sie hatten sich mit anderen so weit von der Piste eingegraben, dass die Polizei sie wohl garnicht bemerkt hatte, oder aber einfach keine Lust mehr hatte. Morgens haben sie sich dann mit Hilfe der Festgarnitur als Sandbleche befreit.

Wir frühstücken und sind sehr sehr müde. Fast gar widerwillig machen wir uns auf zur letzten Sonderprüfung. Ein kleiner Slalom und am Seil fahren im Kreis, dann eine schnelle Etappe um einen Berg herrum auf Zeit. Wir lassen es ruhig angehen, schließlich wollen wir mit den Autos ja noch Jordanien bereisen. Dann geben wir 12 Flaschen Wein und Wasser aus den durchreisten Ländern ab - wir dürfen sie dann aber doch behalten, ein Sixpack Bier und einen Sack Pferdefutter vom ersten Tag.

Damit ist die Rallye vorbei. Noch ein paar Fotos mit den Autos in der Wüste, und wir ziehen als normale Touristen weiter.

Es liegen unglaubliche Erlebnisse und Begegnungen hinter uns, jeder Tag brachte etwas neues, kein Abend gestaltete sich so, wie man es am Morgen vermutet oder gar geplant hätte.

Und man muss zugeben, sehr viele Erlebnisse hatten wir nur deshalb, weil wir an dieser verrückten Rallye mit den verrückten Aufgaben teilgenommen haben. Wer lässt sich denn sonst als Tourist ein türkisches Lied in Istanbul lehren, oder sucht in stockdunkler Finsternis nach einem Zeltplatz, wenn es wenige Kilometer weiter (teure) Hotels gibt.Jetzt müssen wir das Ganze zuerst einmal sacken lassen. Highlight war sicher das SOS Kinderdorf, und ich bin davon überzeugt, dass wir uns in dieser Richtung weiter engagieren werden.

So, und dann haben wir eine Jeeptour durchs Wadi Rum gemacht, haben Petra besichtigt und waren heute am Toten Meer - das übliche aber faszinierende Jordanien-Touristen-Programm. Alles ohne Hektik. Übernachtet haben wir in Hotels oder einem Berberzelt - ganz unspektakulär.

MaSalam

Christian und Tina

Kurze Nacht im Camp Wadi Rum
Kurze Nacht im Camp Wadi Rum
Die Rallye ist vorbei
Die Rallye ist vorbei

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